Der Abschlussbericht des Projekt Erfassung rebengenetischer Ressourcen in Deutschland: mehr als ein halbes Jahr reine Schreib-Arbeit, 230 Seiten, viele Erkenntnisse zum Thema autochthone Rebsorten – und jetzt soll er nicht veröffentlicht werden. Stattdessen nur ein Kurzbericht, sowie die Datenbank ohne Analysen, Ergebnisse und Schlussfolgerungen, sowie ohne das 35-seitige Strategiepapier mit Verbesserungsvorschlägen für eine nachhaltige Erhaltung der rebengenetischen Ressourcen.
![]() FOTO: Andreas Jung |
So hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Referat Agrarforschung in Absprache mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMLE) entschieden – und nur diese haben das Recht zur Veröffentlichung. Mit anderen Worten: die Arbeit landet in der Schublade.
Kein Wunder dass Andreas Jung, “Der Rebenretter” (so war unser Bericht in der VINUM über ihn betitelt), frustriert ist. Jetzt wurde uns von dritter Stelle ein Brief zugespielt, indem er sich an zwei Abgeordnete des Bundestages (Mitglieder im Agrarausschuss) wendet. Hier die wichtigsten Ausschnitte daraus:
“Ich bin zutiefst darüber enttäuscht, das nun gar nichts von meinem umfassenden Report veröffentlicht werden soll, denn ich halte die Ergebnisse und Schlussfolgerungen wissenschaftlich und weinbaugeschichtlich für sensationell, auch wenn die Tatsache der Entdeckung von mittlerweile 88 ausgestorbenen Rebsorten und die Aufdeckung von über 130 Falschbenennungen in den deutschen Rebsortimenten nicht gerade für die Beibehaltung des jetzigen Systems sprechen. Dass es handfeste Gründe für die Generosion (Anm. des Bloggers: Generosion bezeichnet den Verlust von Biodiversität durch das Aussterben pflanzlicher und tierischer Arten) bei Reben gibt und die Erhaltungskonzepte für Rebsorten dringend neu konzipiert und umgestaltet werden müssen, ist selbst unter den Züchtern nicht umstritten. Mir wurde vom BLE telefonisch zugesichert, dass, wenn ich meine Kritik an den bestehenden Erhaltungsstrukturen herausnähme und den Bericht nach den brieflich mitgeteilten Wünschen einer Selbstzensur unterziehen würde, dass der Bericht dann veröffentlicht würde. Am Inhalt und den Fakten an sich gäbe es von Seiten des Referats 514 nichts auszusetzen, nur dürften wegen der internen Gemengelage die Ressortforschung und die staatlichen Rebenzüchter nicht zu sehr kritisiert werden. Die geforderte Selbstzensur meines Berichts von über 260 Seiten hat mich 6 zusätzliche, nicht entlohnte Wochen Arbeit gekostet und die ganze Projektabwicklung unnötig verzögert. Insgesamt ist der Bericht ein wertvoller Beitrag zur Rebsorten- und Weinbaugeschichte, der viel Licht in bisher dunkle Ecken bringt. Diese Informationen der Weinöffentlichkeit zu unterschlagen, halte ich gegenüber der Weinöffentlichkeit für einen Skandal. Schließlich wurden hier Steuergelder aufgewendet für einen bundesweiten Statusbericht, der jetzt nun einfach in der Schublade verschwinden soll. In der Schweiz ist es selbstverständlich, dass jeder Jahresbericht und sowieso jeder abschließende Projektbericht im Internet einsehbar ist, wenn ein Projekt mit öffentlichen Steuergeldern finanziert wurde.
Was das BLE am Bericht bemängelt hat, war ausschließlich die indirekte Kritik an den staatlichen Institutionen und den bestehenden Erhaltungsstrukturen, die ja direkt und indirekt zum Aussterben von 88 Rebsorten geführt haben. Ich finde nichts Verwerfliches daran, wenn man Tatsachen darstellt, die Ursachen der genetischen Erosion bei Reben analysiert, Mythen widerlegt und strukturelle Unzulänglichkeiten aufzeigt, um danach gemäß Auftrag ein Konzept zu entwickeln, wie man es besser machen könnte. Dass die staatlichen Züchtersortimente als Genotypen-Sortimente gegründet wurden und modernen Nachhaltigkeitsgrundsätzen nicht genügen, ist kein Geheimnis. Nur will niemand diesen Zustand ändern, weil es Geld kostet und man mit dem vorhandenen Geld lieber teure Genomforschung betreibt und 20 Jahre lang neue teure Sorten züchtet. Das Vorhalten von 3-4 Stock pro Rebsorte in virusverseuchten, durch ESCA bedrohten, größtenteils nicht abgesicherten Genotypen-Sortimenten hat nichts mit einer nachhaltigen, mehrfach abgesicherten Erhaltung der autochthonen Rebsorten in praxistauglichem Zustand (virusfrei) zu tun. Es geht um die praxistaugliche Erhaltung des weinbaukulturellen Erbes Mitteleuropas, das kurz nach seiner Wiederentdeckung nicht einfach der Zensur geopfert werden darf.
Ich selbst kann in der Sache nichts bewegen. Der Vertrag hat mich meiner Rechte beraubt.”
Es ist äußerst bedauerlich, dass diese wichtige wissenschaftliche Arbeit nicht veröffentlicht werden soll – und ich frage mich, wie das BLE dies begründet. Gibt es etwa kein Interesse der Allgemeinheit an den Ergebnissen des Projekts? Das gibt es sehr wohl. Und Bedarf an einer Diskussion über unser Rebsorten-Erbe und den Umgang mit diesem ebenfalls. Ich werde deshalb die entsprechende Stelle des BLE um eine Stellungnahme bitten & sie hier veröffentlichen, sobald sie vorliegt – falls man mir antwortet.
Das hat man umgehend getan & hier ist die Antwort.
Schlagworte: Andreas Jung, BLE, BMLE, rebgenetische Ressourcen, Wein
















[...] Der Abschlussbericht umfasst 230 Seiten und viele Erkenntnisse zum Thema autochthone Rebsorten in Deutschland. Viele Jahre Arbeit für die Schublade. Gefördert wurde das Projekt von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) und somit liegt das Recht zur Veröffentlichung bei dieser Institution. Und diese hat in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung entschieden, den Bericht nicht zu veröffentlichen. So berichtet es Carsten Henn im VINUM Blog. [...]